Pubertät - Wenn Familie zur Zerreißprobe wird

Pubertät - wie Familie doch gelingen kann

Wie Familie doch gelingen kann


Die Zeit zwischen dem 12. Und dem 18. Lebensjahr bringt viele Familien an den Rand der Verzweiflung. Gerade eben haben unsere Kinder noch den Disney-Club im Fernsehen gesehen, schon wachsen die ersten Barthaare, man führt zu Hause Diskussionen über Duschen, gefärbte Haare, Weggehen oder gar Zigaretten und das erste Bier. Diese Zeit ist bei unseren Jugendlichen von dem großen Wunsch geprägt, sich von der früheren kindlichen Identität und damit dem Elternhaus abzugrenzen und Abstand zu gewinnen. Wo wenige Monate zuvor noch die Eltern wie Götter auf den Thron gehoben wurden, streben die Kids plötzlich nach Selbstbestimmung und Selbstfindung, wollen mit ihrer Familie nichts mehr zu tun haben, oder allemal nur noch die Zeit mit uns verbringen, die für Taxifahrten zum Fußball oder Ballet oder um nicht zu verhungern gerade eben notwendig ist. Es ist ihr Wunsch, nun erwachsen zu sein. Eine Zeit, die für viele Eltern zur Zerreißprobe wird. Spannend ist, dass sich in fast allen Familien mit Jugendlichen Verhaltensmuster feststellen lassen, die sich sehr ähnlich sind.


In der Pubertät entwickelt ein Jugendlicher ein ganz neuartiges Bewusstsein für die eigene unverwechselbare Identität. Gleichzeitig werden Teenager immer sensibler in der Wahrnehmung der eigenen seelischen und auch körperlichen Versehrtheit. Die Jugendlichen werden in dieser Zeitspanne der Selbstfindung von einem starken Unsicherheitsgefühl begleitet; sie neigen zu Gefühlsausbrüchen, die zwischen einem totalen Hochgefühl und tiefen emotionalen Abgründen schwanken. Es gibt Phasen, in denen sie apathisch herumhängen, sich zurückziehen und vor Langweile nicht aus dem Bett kriechen. Im nächsten Moment strotzen sie vor Energie und Lebensfreude. Um die eigene Unsicherheit zu überdecken, zeigen sich Teenager gerne großspurig und vorlaut. So versuchen sie die Welt um sich herum davon zu überzeugen, dass sie selbstbewusster und stärker sind, als sie sich eigentlich fühlen.


Pubertät bedeutet, Risiko auszutesten. Jugendliche müssen experimentieren, Grenzen austesten - ihre eigenen und die anderer Menschen. Es ist eine Zeit, in der Konflikte zur Tagesordnung gehören. Dies alles ist Bestandteil des langwierigen Lernprozess – einem Versuch, das eigene Leben in den Griff zu bekommen und für sich selbst Entscheidungen zu treffen.

 

Abgrenzung von der Familie und von den elterlichen Werten und Normen, denn ohne Eigenständigkeit kann sich keine Eigenverantwortlichkeit entwickeln


Die Jugendlichen verbringen sehr viel Zeit mit ihren Freunden. Sie versuchen, sich ein Leben außerhalb der Familie aufzubauen. Sie ziehen sich zurück, schaffen sich einen eigenen Freundeskreis und beginnen, einen eigenen Lebensstil zu entwickeln. Sie zeigen so, dass sie sich von den Eltern bzw. der älteren Generation abgrenzen wollen. Das Kindliche verliert sich mehr und mehr. Sie übertreten Grenzen, missachten Verbote und zeigen bisher unbekannte Facetten ihrer Persönlichkeit.


In dieser Zeit ist von uns Eltern Gelassenheit gefragt. Es ist hilfreich, sich zurückzuhalten und die Abgrenzung unserer Kinder zuzulassen. Dennoch ist es umso wichtiger, dass wir sie nicht aus den Augen verlieren und Interesse am Lebensstil unserer Kinder zeigen. Dies hilft, viele Konflikte schon im Ansatz zu verhindern.
Bleiben wir als Eltern in dieser Phase gesprächsbereit und hören wir unseren Kindern aufmerksam zu, können wir ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie uns weiterhin wichtig sind und für uns eine Bedeutung haben – und dass wir uns für sie und ihre Lebensgestaltung interessieren. Auch wenn wir ständig Ablehnung für unsere Gesprächsangebote ernten.
Gemeinsames Essen, Familienfeiern oder gemeinsame Ausflüge werden sehr häufig umgangen. Dies gehört als normale Abgrenzungsform zum Alltag eines Teenagers. Dennoch sollten wir als Eltern darauf bestehen, dass elementare Gemeinsamkeiten eingehalten werden, um das familiäre Selbstverständnis aufrechterhalten zu können. Streitgesprächen kann der Beigeschmack der Katastrophe genommen werden, wenn wir als Eltern sachlich bleiben und klar formulieren, was wir erwarten: wir nehmen unsere Kinder ernst, erwarten dies aber auch von unserem gegenüber. Wir hören ihnen zu, wollen aber auch, dass man uns zuhört. Teenager wollen ernst genommen werden und auf Augenhöhe mitbestimmen. Handeln Sie Regeln und Verbindlichkeiten gemeinschaftlich aus – diese können von Teenagern dann häufig besser angenommen werden. 

 

Freiraum und Privatsphäre – unerlässlich zum Erwachsenwerden


Abgrenzung bedeutet zeitgleich, sich größere Freiräume zu verschaffen – dies ist unerlässlich, um die Eigenständigkeit weiterentwickeln zu können. Je älter ein Kind also wird, desto mehr Vertrauen müssen wir unseren Teenagern entgegen bringen. Enge Kontrolle und starre Regeln laden sie nur dazu ein, die Regeln zu durchbrechen – welche Art und Weise auch immer dazu notwendig ist. Eltern spielen in dieser Zeit nur noch eine Nebenrolle und müssen sich mit Passivität anfreunden. Kontrolle abzugeben bedeutet, darauf zu vertrauen, dass das eigene Kind für sich selbst die „richtigen“ Entscheidungen treffen wird. Auch wenn wir damit nicht immer zufrieden sind – unsere Kinder wollen Fehler machen und ihre eigenen Erfahrungen sammeln. 
Ein häufiges Streitthema ist das abendliche Ausgehen. Wie lange Jugendliche abends ausgehen dürfen, hängt jedoch vom Alter und der Reife ab. Als Eltern sollten wir Interesse daran zeigen, wo sich unsere Kinder aufhalten. Wissen wir, bei wem am Abend die Party steigt oder mit wem unsere Kinder „abhängen“ ist es durchaus angemessen, mal etwas großzügiger zu sein. Nur so können die Heranwachsenden lernen, wie viel Feiern für sie gut ist. Hilfreich scheint auch, sich mit anderen Eltern auszutauschen und die eigene Verunsicherung mit Gleichgesinnten in einer Elternrunde oder einem Elternforum zu diskutieren.
Für Erwachsene ist es völlig normal, die eigene Privatsphäre einzufordern. Wir erwarten von unseren Kindern, dass sie anklopfen, bevor sie ins Schlafzimmer stürzen. Doch auch Teenager haben einen Anspruch darauf, denn ohne Wahrung der Privatsphäre kann sich keine selbstständige Persönlichkeit entfalten. Jugendliche brauchen ihr Territorium und vor allem das eigene Zimmer ist daher elterliche Tabuzone. Unsere Halbwüchsigen müssen selbst herausfinden, wie viel Chaos sie in ihrem Zimmer vertragen, was sie von den Eltern an Ordnung übernehmen wollen und von was sie sich abgrenzen wollen. Dies ist ein Entwicklungsprozess und kann einige Zeit dauern. Die wahrscheinlich einzige logische Konsequenz lautet daher: Tür schließen, Verantwortung abgeben, draußen bleiben. Nur dann, wenn das Zimmer ernsthafte gesundheitliche Risiken für den Rest der Familie und unser Kind birgt, dürfen wir einschreiten. Denn die Razzia im „Kinderzimmer" sollte wirklich das äußerte Mittel sein. Diesem Vertrauensbruch können nur schwerwiegenden „Indizien“ zu Grunde liegen (Drogen, indizierte Computerspiele, Filme oder Waffen) damit es sich lohnt, die Beziehung zum eigenen Kind derart zu gefährden.

 


Richtlinien und Verbindlichkeiten – Struktur und Sicherheit in einer unruhigen Zeit


Bei aller Gelassenheit, für die ich an dieser Stelle plädiere, ist es wichtig, dass wir unserem Kind immer unser Interesse signalisieren. Auch wenn die Pubertät eine Zeit der Konflikte und Streitigkeiten ist, brauchen Teenager nach wie vor verbindliche Eltern, die Orientierung, Verlässlichkeit und Struktur liefern. Einer 14-Jährigen nicht klar zu sagen, wann sie wieder zuhause sein muss, wird wahrscheinlich nicht unbedingt als Großzügigkeit der Eltern verstanden. Häufig wünschen sich Jugendliche, dass ihre Eltern sich für sie interessieren und die wenigsten würden es ablehnen, wenn sie von den eigenen Eltern abgeholt werden, statt auf den letzten Bus angewiesen zu sein.
Klare Sachverhalte wie: „ich möchte nicht, dass du nach Hause trampst“ schaffen Verbindlichkeiten und Transparenz und zeigen die Sorge, die Eltern haben. Auch wenn aus Sicht der Teenager die Eltern am besten "unsichtbar" wären, bleiben wir ein auf Abruf bereiter elementarer Bezugs- und Orientierungspunkt. Trotz Bockigkeit und Distanz sind klarer Richtlinien und Absprachen für die Jugendlichen sehr wichtig, denn zu viel Liberalität kann auch überfordern.

 


In die Konfrontation gehen, jedoch Stress vermeiden


Konflikte gehören zum menschlichen Miteinander und gerade im Umgang mit pubertierenden Jugendlichen werden sich die Konfrontationen in dieser Entwicklungsphase zwangsläufig häufen. Diese Auseinandersetzungen sind wichtig und dienen der Orientierung.

 

Dennoch gibt es einigen Konfliktstoff, der überflüssig ist und das Familienklima unnötig belasten kann. Um diesen Konflikten schon im Vorfeld aus dem Weg zu gehen, können ein paar einfache, praktische Maßnahmen helfen, die am besten mit dem Jugendlichen gemeinsam geplant werden können und ihn zusätzlich bei der Entwicklung der Eigenverantwortlichkeit unterstützen:

 

  • Der eigene Wecker: Jugendliche können durchaus die Verantwortung tragen, selbstständig morgens aufzustehen und pünktlich zur Schule zu kommen. Ein eigener Wecker ist hier unerlässlich.
  • Genügend Stauraum: Viel Ärger um Aufräumen und Chaos im Zimmer kann vermieden werden, wenn das Zimmer über ausreichenden – sinnvollen – Stauraum verfügt, um Ordnung zu halten.
  • Der eigene Haustürschlüssel: Ohne sich absprechen zu müssen, wer wann wie zu Hause ist, um die Türe zu öffnen, ist ein eigener Haustürschlüssel das Signal für Selbstständigkeit und Vertrauen.
  • Ausreichend Taschengeld: Damit sich der Jugendliche bestimmte Wünsche erfüllen kann, ohne dabei auf die Eltern angewiesen zu sein, und für sich selbst entscheiden kann, in welchem Maß und in welcher Form er am sozialen Leben teilhaben möchte, ist es sinnvoll, ihm ausreichend Taschengeld zur Verfügung zu stellen, bzw. ihn dabei zu unterstützen, sich einen finanziellen Spielraum zu erarbeiten. Denn für Jugendliche ist Geld gleichbedeutend mit Freiheit und Unabhängigkeit.
  • Das Smartphone: Nachrichten via WhatsApp zu versenden, stundenlang im Klassenchat zu verharren oder alle möglichen privaten Informationen bei Facebook zu posten – dies alles hat im Leben der Jugendlichen eine hohe Bedeutung und ist in vielen Familien ein Reizthema. Um Konflikte zu vermeiden, helfen klare und verbindliche Regeln. So könnte z.B. eine Flatrate für das Handy eine gute Lösung sein, um unnötige Kosten zu produzieren.
  • Wilde Parties: Grundsätzlich ist dazu ja nichts einzuwenden, wenn man im Vorfeld eine Art „Hausordnung“ abgesprochen hat und diese entsprechend der Wünsche aller Beteiligten eingehalten wird.


Was tun, wenn Verbote missachtet wurden?


Natürlich gehört es zur Pubertät dazu, dass Regeln missachtet und Verbote übergangen werden. Moralpredigten und ständige Ermahnungen haben eher zur Folge, dass sich die Jugendlichen Zurückziehen und nicht mehr zugänglich sind. ber Im gemeinsamen Gespräch lassen sich die Probleme häufiger leichter und vor allem kampfärmer lösen, als bei Regelverletzungen Grenzen noch enger zu ziehen. Denn auch die vereinbarten Regeln müssen der Entwicklung angepasst werden und sind in vielen Bereichen verhandelbar. Konflikt lassen sich leichter beseitigen, die Gesprächsatmosphäre von Verhandlungen statt sturer Konfrontation geprägt ist.
Aber natürlich gibt es auch Regeln, die nicht verhandelbar sind. Dazu zählt der Umgang mit Alkohol, Drogen und Zigaretten. Eltern dürfen deutlich Position ergreifen (und müssen dies rein rechtlich sogar), können aber nicht verhindern, was ihre Kinder auf dem Schulweg machen. Und hier gilt ganz besonders: wir Eltern sind Vorbilder. Unser Umgang mit Substanzmitteln wie Cannabis, Alkohol oder Zigaretten prägt natürlich ganz deutlich unsere Kinder. Werden bei schweren „Verstößen“ Strafen verhängt, dann sollte diese niemals erniedrigend sein und lediglich für einen klar begrenzten Zeitraum gesetzt werden.  Wichtig ist, dass der Jugendliche erkennt, dass die Strafe verhängt wurde, weil eine bestimmte – wichtige – Grenze überschritten wurde. Es muss ganz deutlich werden, dass die Strafe nur deshalb verhängt wird, weil der Jugendliche bestimmte Grenzen verletzt hat.

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