Steh auf, wenn du am Boden bist.

Neulich saß ich im Auto und hörte ein Lied im Radio, das ich schon seit langer Zeit nicht mehr gehört hatte. Es war "Steh auf, wenn du am Boden bist" von den Toten Hosen. Der Songtext begann und erstmals war ich erstaunt, dass Campino einen solchen Text mit Tiefsinn schreiben konnte. Bisher hatte ich den Song immer nur als Fanhymmne wahrgenommen, doch an diesem Tag sprach mich etwas anderes an.

Seit ich mich in meiner Praxis immer wieder sehr intensiv mit dem Thema "Depressionen" und Lebenskrisen beschäftige, stelle ich fest, wie tief bei vielen meiner Klienten der Verlust der Lebensfreude sitzt. Gerade als Systemische Therapeuten haben wir gelernt, unseren Fokus unweigerlich auf die Ressourcen und positiven Aspekte unserer Klienten zu richten. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Klienten bereits alles, was sie zur Lösung ihrer Situation benötigen, in sich selbst tragen - sie können darauf aktuell jedoch nicht zugreifen. Und diese Fähigkeit wieder zu aktivieren, darin sind wir richtig gut. Doch gerade jemand, der alle Freude am Leben verloren hat, der sich morgens quält, aufzustehen und den Tag durchzustehen, für denjenigen klingt es wie Hohn, wenn wir unser Methodenköfferchen auspacken und uns auf das konzentrieren, was der Klient doch eigentlich Schönes im Leben hat.

 

Ich finde, Campino beschreibt dies in seinem Song sehr einfach:

 

"Wenn du mit dir am Ende bist

und du einfach nicht weiter willst,
weil du dich nur noch fragst
warum und wozu und was dein Leben noch bringen soll.

Halt durch, auch wenn du allein bist!
Halt durch, schmeiß jetzt nicht alles hin!
Halt durch, und irgendwann wirst du verstehen,
dass es jedem einmal so geht.

Und wenn ein Sturm dich in die Knie zwingt,
halt dein Gesicht einfach gegen den Wind.
Egal, wie dunkel die Wolken über dir sind,
sie werden irgendwann vorüberziehn.

Steh auf, wenn du am Boden bist!
Steh auf, auch wenn du unten liegst!
Steh auf, es wird schon irgendwie weitergehn!"

 

"Halte durch, und irgendwann wirst du verstehen, dass es jedem einmal so geht." Ich finde, dies ist der prägendste Satz des Songs. Campino beschreibt es nicht als "ach, so schlimm ist es nicht" oder "du musst einfach nach vorne schauen", "reiß dich zusammen" oder "das wird schon wieder". Nein, er sagt, dass es eine Zeit geben wird, in der der Betroffene verstehen wird, dass es "jedem" einmal mal so geht. Er macht Mut, die schwierige Zeit durchzuhalten, es auszuhalten, weil es besser werden wird. Irgendwann.

Viele benötigen medikamentöse Unterstützung, um ihre Stimmung wieder zu stabilisieren. Auch wenn ich als nicht Medizinerin eine sehr kritische Haltung gegenüber Psychopharmaka habe, hat mich die Erfahrung gelehrt, dass eine Unterstützung durch Antidepressive durchaus hilfreich sein kann und im jeweiligen Einzelfall in Erwägung gezogen werden sollte.

 

Ich möchte mich Campinos Mutmacher anschließen:

Halten Sie durch, auch wenn Sie den Eindruck haben, dass niemand da ist, der Sie auffängt. Schmeißen Sie nicht alles hin. Das Leben hält noch so viele versteckte Geschenke und Überraschungen bereit, die es wert sind, durchzuhalten. Auch Ihr Leben wird Ihnen noch etwas zu geben haben. Dann, wenn die dunklen Wolken verzogen sind, wird es um Sie herum wieder sonnig werden und Sie werden merken, dass die Welt auch für Sie ein Stückchen blauen Himmel bereit hält. Sie müssen dies nicht alleine durchstehen - es gibt zahlreiche Unterstützungen. Haben Sie den Mut, sich an jemanden zu wenden!

 

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