Alle Jahre wieder

Kein Feiertag lebt so stark von Traditionen wie Weihnachten. In dieser Zeit hören wir immer die gleichen Lieder, bestehen auf die gleichen Gerichte und sehen immer die gleichen Filme – hüte sich, wo sich etwas ändert. Jedes Jahr auf’s neue werde ich sentimental, wenn ich Springsteens „Driving home for Christmas“ im Radio höre und mir dabei vorstelle, wie die längst schon erwachsenen Kinder an Weihnachten auf dem Weg nach Hause zu ihren Eltern sind, wo sie von Nichten, Neffen und Geschwistern freudig begrüßt werden. Und tatsächlich höre ich es jedes Mal, wenn ich am Heiligabend zu meinen Eltern nach Hause fahre, wo mich ein prachtvoll gedeckter Tisch, ein duftendes Gericht, meine Mutter freudig kochend und mein Vater besinnlich gestimmt erwarten. Aber ich bin nie weit weg gewesen, hab nie in einer anderen Stadt studiert oder muss eine weite Anreise zu Weihnachten in Kauf nehmen. Egal, drei Minuten Song aus dem Radio reichen aus, um das Gefühl zu bekommen. Mittlerweile habe ich schon seit Jahren meinen Platz als Familienjüngste für die neue Generation geräumt und doch stehe ich wie jedes Jahr mit Herzklopfen und glänzenden Auge vor der Haustüre meiner Eltern.


Und wie ich dann so das Haus betrete, muss ich mir eingestehen, dass wir nicht mehr 1985 haben und ich es kaum erwarten kann, ein Weihnachtslied zu singen und meine Geschenke auszupacken. Oder darauf zu warten, dass Papa wie jedes Jahr beim Hauptgang darüber sinniert, wie gut wir es doch haben und sich heimlich eine Träne aus den Augen wischt, bis dass wir endlich den Nachtisch verspeisen. Nein, heute steht im frisch renovierten Wohnzimmer eine künstliche Tanne, weil die Kinder ja alle schon lange aus dem Haus sind und man ja keinen richtigen Weihnachtsbaum mehr braucht. Der Tisch ist mittlerweile für 10 Personen gedeckt und es gibt statt Sektgläsern bunte Plastikbecher für die Kleinen. Aber spätestens als meine Mutter neben Spätzle auch noch Reis und Kroketten auf den Tisch stellt, damit jeder auch genau das findet, was ihm schmeckt, und mein Vater sich besinnlich zurücklehnt und nun zumindest in Gedanken sinniert, wie gut es uns doch geht, weiß ich, dass ich zu Hause bin und es Weihnachten ist.


Traditionen geben gerade in einer Zeit, in der sich ständig alles ändert und kaum etwas beständig bleibt, Halt und Sicherheit und geben die Chance, sich zu orientieren. Deshalb sehnen wir uns so sehr danach, noch einmal Kind zu sein und uns von unseren Eltern umsorgen zu lassen.
Doch was ist mit den Menschen, die in ihrer Biografie Halt und Sicherheit nicht erfahren haben, die von Beziehungsabbrüchen und Instabilität geprägt waren? Das sind jene von uns, die Weihnachten flüchten, sich in die Sonne absetzen oder am liebsten eine ganze Woche aus dem Kalender streichen würden. Es sind jene, die schon Wochen vorher beim Gedanken an den Familienbesuch schwitzende Hände oder Magenschmerzen bekommen, weil sie nicht einschätzen können, ob ihr Vater sich dieses Jahr schon vor der Bescherung die Flasche Weinbrand gegönnt hat, die Eltern ihren Dauerehekrach unterbrechen oder sich doch stundenlang anschweigen oder die Mutter mit einem hysterischen Anfall die Wohnung verlässt und man sich wieder fühlt wie sein 7-Jähriges Kind-Ich.


Weihnachten steckt voller Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen. Keine Zeit im Jahr wird so hoch bewertet und nach keiner Zeit im Jahr – naja, vielleicht noch den Sommerferien – haben Familien- und Paartherapeuten im Anschluss Hochkonjunktur. Niemand anderes kann uns glücklich machen, wir können nur selbst dafür sorgen, dass es uns gut geht. Und wenn ich an jene Menschen denke, die vielleicht das erste Weihnachten ohne einen geliebten Ehemann oder Sohn feiern, deren Ehe gerade in die Brüche gegangen ist oder die wissen, dass sie im kommenden Frühjahr ihre Stelle verlieren werden, weil die Abteilung geschlossen wird, stelle ich mir vor, wie diese eigentlich so besinnliche Weihnachtszeit auf sie wirken muss.


Ob Erwartungen oder Befürchtungen – wenn wir es schaffen, ganz bei uns selbst zu sein und uns selbst ernst zu nehmen, können wir es schaffen, die Weihnachtszeit unbeschadet zu überstehen, unsere Familienfeiern genießen zu können oder den Mut zu haben, nur mit jenen zu feiern, die uns wirklich am Herzen liegen. Und wenn wir die kleinen Hoffnungsschimmer durchblitzen sehen, dann könnten wir es schaffen, zuversichtlich in das neue Jahr zu blicken.


„Sei du selbst die Veränderung, die du sehen willst in der Welt.“

(Ghandi)


In diesem Sinne wünsche ich schöne Feiertage und einen gesunden Start ins neue Jahr!
Daniela Baumgarten